Aktionspotential: Entstehung und Erregungsleitung einfach erklärt

  • Oberstufe
  • ca. 19 Minuten

Wie ein Aktionspotential an spannungsgesteuerten Toren entsteht, warum die Reizstärke in der Frequenz steckt, wie die Erregung das Axon entlangläuft, und die drei Fehler, die in Klausuren immer wieder vorkommen.

Das Wichtigste in drei Sätzen

  1. Beim Aktionspotential strömt ab der Schwelle Na⁺ hinein, und die Spannung steigt bis etwa +30 mV. Danach strömt K⁺ hinaus, und die Spannung fällt.

  2. Jedes Aktionspotential ist vom Ruhepotential aus gleich hoch. Die Reizstärke steckt in der Frequenz: Ein stärkerer Reiz löst mehr Aktionspotentiale pro Sekunde aus.

  3. Mit Myelin springt die Erregung von Schnürring zu Schnürring. Diese saltatorische Erregungsleitung ist viel schneller und sparsamer als die kontinuierliche.

Grundlagen

außeninnenAktivierungstorK+-TorInaktivierungstorSpannungsfühler

Tore, die auf Spannung reagieren

In Ruhe ist die Axonmembran innen etwa −70 mV negativ gegenüber außen, das ist das Ruhepotential. Innen gibt es viel K⁺, außen viel Na⁺. Spannungsgesteuerte Ionenkanäle reagieren nicht auf einen Stoff, sondern auf Spannung. Es gibt sie für Na⁺ und für K⁺. Das K⁺-Tor hat nur eine Klappe. Es öffnet langsamer als das Na⁺-Tor und schließt spät.

Spannungsfühler
Teil des Kanals, der die Spannung spürt und das Tor öffnet
Aktivierungstor
Klappe des Na⁺-Tors, sie geht blitzschnell auf
Inaktivierungstor
Stöpsel innen am Na⁺-Tor, er verschließt es kurz nach dem Öffnen
ZeitmV0−50−701234

Reizstärke und Refraktärzeit

Was ein Reiz auslöst, hängt vom Schwellenwert bei etwa −50 mV ab.

  1. Unterschwellig Der Reiz erreicht die Schwelle nicht. Es entsteht kein Aktionspotential.
  2. Alles oder nichts Ab der Schwelle läuft es vom Ruhepotential aus vollständig und immer gleich hoch ab.
  3. Refraktärzeit Während der Spitze und kurz danach geht gar nichts (absolut). Dann nur mit stärkerem Reiz, und es fällt kleiner aus (relativ).
  4. Frequenz Ein stärkerer Reiz löst mehr Aktionspotentiale pro Sekunde aus, höchstens einige hundert.

Der Ablauf in fünf Schritten

  1. Schwelle

    Erst ab etwa −50 mV

    Ein Reiz macht das Innere weniger negativ. Unter der Schwelle verpufft er.

    Ab etwa −50 mV öffnen genug Na⁺-Tore.

    Erkennst du an Ein Na⁺-Tor offen, Kurve an der Schwelle.

  2. Depolarisation

    Na⁺ rein, Spannung rauf

    Na⁺ strömt hinein, und weitere Na⁺-Tore öffnen: eine Kettenreaktion.

    Die Spannung steigt bis etwa +30 mV. Der Teil über 0 heißt Overshoot.

    Erkennst du an Na⁺-Tore offen, Na⁺ strömt ein, innen Plus.

  3. Spitze

    Na⁺-Tore verstöpselt

    Nach etwa 1 ms stöpseln die Inaktivierungstore die Na⁺-Tore zu.

    Das Plus innen bremst weiteres Na⁺, die K⁺-Tore öffnen langsam.

    Erkennst du an Stöpsel in den Na⁺-Toren, K⁺-Tor einen Spalt offen.

  4. Repolarisation

    K⁺ raus, Spannung runter

    Jetzt sind die trägen K⁺-Tore weit offen.

    K⁺ strömt hinaus und nimmt positive Ladung mit. Die Spannung fällt durch 0 zurück ins Negative.

    Erkennst du an K⁺ strömt hinaus, innen wieder Minus.

  5. Hyperpolarisation

    K⁺-Tore schließen spät

    Etwas zu viel K⁺ geht hinaus, die Spannung sinkt kurz unter −70 mV.

    Danach stellt sich über die Leckkanäle wieder das Ruhepotential ein.

    Erkennst du an Na⁺-Tore zu und ohne Stöpsel, K⁺-Tor noch offen.

Die Spitze dauert etwa 1 bis 2 ms. Dabei fließen nur winzige Ionenmengen, die Konzentrationen bleiben fast gleich.

Schema: oben außen, unten innen, nicht maßstäblich

Erregungsleitung ohne und mit Myelin

  • refraktärStelle für Stelle

    Kontinuierlich

    Ausgleichsströme heben die Nachbarstelle über die Schwelle, Stelle für Stelle. Die refraktäre Stelle dahinter verhindert den Rückweg. Dünne Fasern: etwa 0,5 bis 2 m/s.

  • im Sprung

    Saltatorisch

    Die Myelinscheide isoliert, Na⁺-Tore sitzen dicht an den Ranvierschen Schnürringen. Die Erregung springt von Schnürring zu Schnürring, bis etwa 100 m/s, und spart Energie.

Drei typische Fehler

Im Video ab 13:51 (auf YouTube ab 13:51, neuer Tab), Kapitel „Typische Fehler“.

  1. Falsch

    „Ein stärkerer Reiz erzeugt ein größeres Aktionspotential.“

    Richtig

    Vom Ruhepotential aus ist jedes Aktionspotential gleich hoch. Ein stärkerer Reiz erhöht die Frequenz, also die Zahl pro Sekunde.

  2. Falsch

    „Die Konzentrationen kehren sich um, und die Pumpe beendet die Spitze.“

    Richtig

    Nur winzige Ionenmengen fließen, nur die Spannung kehrt sich um. Na⁺- und K⁺-Tore beenden die Spitze, die Pumpe hält die Gefälle.

  3. Falsch

    „Bei der saltatorischen Leitung springen die Ionen.“

    Richtig

    Es springt die Erregung, die Ionen wandern nur kurz. Ausgleichsströme lösen am nächsten Schnürring ein neues Aktionspotential aus.

Quiz: sechs Fragen zum Thema Aktionspotential

Sofort ausgewertet, ohne Anmeldung. Es werden keine Daten gesendet. Die falschen Antworten sind genau die Fehler aus dem Video.

  1. Ein Reiz auf die Haut wird stärker. Was ändert sich an den Aktionspotentialen in einem Axon?

  2. Was kehrt sich während eines Aktionspotentials an der Axonmembran um?

  3. Was beendet die Spitze eines Aktionspotentials innerhalb von Millisekunden?

  4. Direkt nach der Spitze eines Aktionspotentials trifft ein sehr starker Reiz dieselbe Stelle der Membran. Was passiert?

  5. Was springt bei der saltatorischen Erregungsleitung von Schnürring zu Schnürring?

  6. Welcher Vergleich der beiden Formen der Erregungsleitung stimmt?

Prüfungsaufgaben

Erst selbst lösen, dann die Lösung aufklappen.

Grundlegendes Niveau

Eine Messkurve zeigt eine Ruhelinie bei −70 mV, einen Anstieg bis +30 mV, einen Abfall und eine Senke unter −70 mV. Benenne die Phasen und beschreibe zu jeder die Ionenbewegung.

benennen
Du gibst Begriffe oder Sachverhalte ohne Erläuterung an.
beschreiben
Du gibst einen Sachverhalt geordnet und fachsprachlich wieder.
Lösung anzeigenLösung ausblenden

Musterlösung in vier Teilen

  1. Ruhelinie: Ruhepotential. Durch einige K⁺-Kanäle, die Leckkanäle, sickert K⁺ hinaus, und die Pumpe hält die Gefälle.
  2. Anstieg: Depolarisation bis zum Overshoot, sobald der Schwellenwert erreicht ist. Spannungsgesteuerte Na⁺-Tore öffnen, Na⁺ strömt hinein.
  3. Abfall: Repolarisation. Die Na⁺-Tore sind inaktiviert, die K⁺-Tore offen, K⁺ strömt hinaus.
  4. Senke: Hyperpolarisation. Die K⁺-Tore schließen spät, es strömt noch etwas mehr K⁺ hinaus.

Erhöhtes Niveau

Lidocain, eine Spritze beim Zahnarzt, blockiert spannungsgesteuerte Na⁺-Kanäle. Stelle eine Hypothese auf, wie es sich auf die Aktionspotentiale im Schmerznerv auswirkt, und erläutere, warum man nichts spürt.

Hypothese aufstellen
Du formulierst eine begründete Vermutung.
erläutern
Du machst einen Sachverhalt mit Fachwissen nachvollziehbar und verständlich.
Lösung anzeigenLösung ausblenden

Musterlösung in drei Teilen

  1. Hypothese: Lidocain verhindert vermutlich, dass im betäubten Bereich Aktionspotentiale entstehen und ankommende weitergeleitet werden.
  2. Erläuterung: Ohne offene Na⁺-Tore fehlt der Na⁺-Einstrom. Auch bei etwas Depolarisation startet keine Kettenreaktion, und die Ausgleichsströme lösen weiter vorn nichts aus.
  3. Folge: Im Gehirn kommt keine Information an. Null Aktionspotentiale heißt keine Schmerzmeldung.

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Zwei Seiten: alle Schritte mit Bildern, typische Fehler, Prüfungsaufgaben mit Lösung

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Transkript

Einstieg (0:00)

Mach kurz mit. Leg eine Hand flach auf den Tisch. Tipp mit einem Finger der anderen Hand ganz leicht auf den Handrücken. Und jetzt drück fest. Du spürst den Unterschied sofort. Dabei kann eine Nervenzelle über ihr Axon nur eine einzige Art von Signal senden. Und dieses Signal ist immer gleich groß.

Wie erfährt dein Gehirn, wie fest du drückst, wenn jedes Signal gleich groß ist? Das klären wir in den nächsten knapp zwanzig Minuten, und am Ende löst du zwei Prüfungsaufgaben. Und falls dich gerade jemand komisch anguckt, weil du dir auf die Hand tippst: Das ist für Bio.

Unser Weg zur Antwort hat vier Schritte. Erstens die Grundlagen: Tore in der Membran, die auf Spannung reagieren. Zweitens das Herzstück: wie die Spitze entsteht und wie sie durch den Nerv rast. Drittens drei typische Fehler. Viertens die Prüfung.

Tore, die auf Spannung reagieren (0:56)

Das Signal aus deinem Finger läuft durch die langen Fortsätze von Nervenzellen, die Axone. Schauen wir ganz nah auf die Membran eines Axons. In Ruhe ist sie geladen: innen etwa minus siebzig Millivolt gegenüber außen. Das ist das Ruhepotential. Innen gibt es viel Kalium, außen viel Natrium. Diese Gefälle hält die Natrium-Kalium-Pumpe aufrecht. Wie Wasser hinter einem Damm wartet vor allem Natrium darauf, hereinzuströmen. Außen ist viel mehr davon, und das Minus innen zieht zusätzlich. Nur sind seine Tore zu.

In dieser Membran sitzen besondere Tore. Sie reagieren nicht auf einen Stoff, der andockt. Sie reagieren auf Spannung. Stell dir ein Tor mit einem kleinen Fühler vor, der die Spannung an der Membran spürt. Bei minus siebzig bleibt das Tor zu. Wird es innen weniger negativ, kippt der Fühler, und das Tor springt auf. Solche Tore heißen spannungsgesteuerte Ionenkanäle. Es gibt sie für Natrium und für Kalium.

Schauen wir uns das Natrium-Tor genauer an. Es hat zwei Verschlüsse. Der erste ist eine Klappe, die beim Kippen des Fühlers blitzschnell aufgeht. Das ist das Aktivierungstor. Der zweite hängt innen wie ein Stöpsel an einer Kette. Kurz nach dem Öffnen schwingt er in die Öffnung und verschließt sie. Das ist das Inaktivierungstor. Und warum ist das wichtig? Weil das Tor verstöpselt nicht wieder aufgehen kann. Erst wenn innen wieder Minus herrscht, schließt sich die Klappe, dann löst sich der Stöpsel, und das Tor ist wieder bereit.

Das Kalium-Tor ist einfacher gebaut, aber träge. Es reagiert auf dieselbe Spannung, öffnet aber deutlich später als das Natrium-Tor. Und es schließt auch erst spät wieder. Merksatz: Natrium-Tore öffnen schnell und stöpseln sich bald selbst zu. Kalium-Tore öffnen langsam und schließen spät.

Was bringt den Fühler zum Kippen? Ein Reiz. Bei deinem Finger ist es der Druck auf die Haut. Er macht das Innere ein Stück weniger negativ, sagen wir von minus siebzig auf minus sechzig. Dann öffnen nur wenige Natrium-Tore. Das verpufft, die Spannung sinkt zurück. Der Reiz war unterschwellig. Erreicht die Spannung aber etwa minus fünfzig Millivolt, öffnen so viele Tore, dass es kippt. Diese Grenze heißt Schwellenwert. Ein Reiz, der sie erreicht, ist überschwellig.

Funfact: Wie wichtig diese Natrium-Tore sind, zeigt der Kugelfisch. In manchen seiner Organe steckt ein Gift, Tetrodotoxin, das genau diese Tore von außen verstopft. Schon winzige Mengen können für Menschen tödlich sein. In Japan darf Kugelfisch deshalb nur zubereiten, wer dafür eine besondere Prüfung bestanden hat. Bei dieser Prüfung wäre ich ungern Vorkoster. Merksatz: Erst ab dem Schwellenwert von etwa minus fünfzig Millivolt öffnen genug Natrium-Tore. Und was passiert dann?

Die Spitze und ihre Reise (3:55)

Wir bleiben genau an dieser Stelle der Membran und schauen hin, Millisekunde für Millisekunde. Die Spannung hat gerade die Schwelle erreicht. Die ersten Natrium-Tore klappen auf. Natrium strömt hinein, angetrieben von seinem Gefälle und vom Minus innen. Jedes Natrium-Ion bringt eine positive Ladung mit. Innen wird es also noch weniger negativ. Und jetzt die Frage: Was spüren die Fühler der Nachbartore?

Genau diese steigende Spannung. Also klappen auch sie auf. Noch mehr Natrium strömt hinein, noch mehr Tore öffnen sich. Eine Kettenreaktion. Die Spannung schießt hoch, über null hinaus, bis auf etwa plus dreißig Millivolt. Innen ist die Membran jetzt kurz positiv. Diesen steilen Anstieg nennt man Depolarisation. Und den Teil über null nennt man Overshoot. Merksatz: Natrium strömt hinein, und die Spannung schießt hoch.

Fachleute nennen so eine Kettenreaktion positive Rückkopplung. Sie würde sich immer weiter hochschaukeln. Warum steigt die Spannung trotzdem nicht immer weiter? Drei Gründe. Erstens: Erinnerst du dich an den Stöpsel an der Kette? Schon nach etwa einer Millisekunde stöpselt er die Natrium-Tore zu. Sie sind jetzt inaktiviert, der Natriumstrom versiegt. Zweitens: Innen ist es jetzt positiv. Das Plus drückt gegen weitere Natrium-Ionen, der Sog nach innen wird schwächer. Drittens: Die trägen Kalium-Tore beginnen gerade aufzugehen. Dazu gleich mehr. Vor allem aber gilt: An der Spitze stöpseln sich die Natrium-Tore selbst zu.

Und jetzt kommen die Trägen. Die Kalium-Tore haben auf dieselbe Spannung reagiert, nur später. Genau jetzt sind sie weit offen. Kalium strömt hinaus, angetrieben von seinem Gefälle, und das Plus innen schiebt zusätzlich. Mit jedem Kalium-Ion geht eine positive Ladung. Die Spannung fällt, durch null zurück ins Negative. Das ist die Repolarisation. Merksatz: Kalium strömt hinaus, und die Spannung fällt.

Nur schließen die Kalium-Tore so spät, dass etwas zu viel Kalium hinausgeht. Die Spannung rutscht kurz unter minus siebzig, sie wird negativer als in Ruhe. Das ist die Hyperpolarisation. Die Kalium-Tore sind wie der Freund, der als Letzter zur Party kommt. Und dann auch als Letzter geht. Sobald sie zu sind, pendelt sich die Membran über die Leckkanäle wieder auf etwa minus siebzig ein. Die Kalium-Tore schließen eben spät, darum wird es kurz negativer als in Ruhe.

Einmal alles zusammen, als Spruch zum Mitsprechen: Natrium rein, Spannung rauf. Kalium raus, Spannung runter. Die Spitze selbst dauert nur etwa ein bis zwei Millisekunden. Während du einmal blinzelst, schafft eine Nervenzelle das viele Male. Aber wenn jede Spitze so gleich abläuft: Wie unterscheidet dein Gehirn dann leicht und fest?

Um das zu klären, schauen wir zuerst auf die Höhe. Denk an eine Klospülung mit Drücker. Drückst du nur ein bisschen, passiert nichts. Drückst du, bis es klickt, rauscht die volle Spülung. Und zwar immer gleich, egal, ob sanft oder mit voller Wucht. Genau so ist es beim Aktionspotential. Unter der Schwelle entsteht kein Aktionspotential. Darüber läuft es, ausgehend vom Ruhepotential, immer vollständig und gleich hoch ab. Das heißt Alles-oder-Nichts-Prinzip. Merksatz: Ein Aktionspotential kommt ganz oder gar nicht, und immer gleich hoch.

Und wie schnell kann die nächste Spitze folgen? Bei der Spülung musst du warten, bis der Kasten wieder voll ist. Bei der Nervenzelle liegt es an den Natrium-Toren. Direkt nach der Spitze stecken ihre Stöpsel noch fest. Dann löst kein Reiz, egal wie stark, ein neues Aktionspotential aus. Das ist die absolute Refraktärzeit. Danach sind die ersten Tore wieder bereit, aber noch nicht alle, und die Kalium-Tore stehen noch offen. Ein neues Aktionspotential geht dann nur mit stärkerem Reiz, und es fällt etwas kleiner aus. Das ist die relative Refraktärzeit. Merksatz: Absolut refraktär geht gar nichts, relativ refraktär nur mit stärkerem Reiz.

Jetzt kommt die Antwort auf unsere Frage vom Anfang. Wie erfährt dein Gehirn, wie fest du drückst? Nicht über die Höhe der Spitzen, die ist ja immer gleich. Sondern darüber, wie oft sie kommen. Tippst du leicht, feuert die Nervenzelle wenige Aktionspotentiale pro Sekunde. Drückst du fest, feuert sie viele, dicht hintereinander. Das nennt man Frequenzcodierung. Dazu kommt: Bei festem Druck feuern auch mehr Nervenzellen gleichzeitig. Merksatz: Die Reizstärke steckt in der Frequenz der Aktionspotentiale, nicht in ihrer Höhe.

Kann die Frequenz beliebig hoch werden? Nein. Hier kommt die Refraktärzeit zurück. Solange die Natrium-Tore verstöpselt sind, kann keine neue Spitze starten. Das setzt eine Obergrenze: höchstens einige hundert Aktionspotentiale pro Sekunde. Kurz gesagt: Die Refraktärzeit bestimmt, wie dicht die Spitzen höchstens aufeinander folgen.

Moment. So klingt leicht drücken: Spitze, Pause, Spitze, Pause. Und jetzt fest.

Fester!

Noch fester!

Ganz fest!

Hm. Schneller wird's nicht. Nach jeder Spitze stecken die Stöpsel erst mal fest. Mein großer Drop ist damit abgesagt. Aber wohin rasen die Spitzen eigentlich?

Bisher blieb alles an einer einzigen Stelle, bei vielen Nervenzellen am Axonhügel, wo das Axon am Zellkörper beginnt. Aber das Signal aus deinem Finger muss bis ins Rückenmark, bei Erwachsenen fast einen Meter weit. Wie kommt die Spitze dorthin? Schau auf das Natrium, das gerade hereingeströmt ist. Innen verteilt es seine positive Ladung ein Stück nach beiden Seiten entlang der Membran. Außen fließt Ladung in die Gegenrichtung. Diese kleinen Ströme heißen Ausgleichsströme, manche sagen auch Kreisströme. Sie machen die Nachbarstelle weniger negativ, bis sie die Schwelle erreicht. Und dann? Startet dort das nächste Aktionspotential.

So geht es Stelle für Stelle weiter, ohne Lücke, die ganze Faser entlang. Wie eine La-Ola-Welle im Stadion: Jeder steht erst auf, wenn der Nachbar steht, und setzt sich danach erschöpft hin. Die Leute bleiben am Platz, nur die Welle wandert. Fasern ohne isolierende Myelinhülle heißen marklose Fasern. An ihnen heißt das kontinuierliche Erregungsleitung. Aber warum läuft die Welle nicht auch zurück? Weil die Stelle dahinter gerade refraktär ist. Ihre Natrium-Tore sind noch verstöpselt. Merksatz: An marklosen Fasern wandert die Erregung Stelle für Stelle, und die Refraktärzeit gibt die Richtung vor.

Das ist zuverlässig, aber langsam, denn jede Stelle muss ihre Tore öffnen. Dünne marklose Fasern, wie es sie auch in deinem Körper gibt, schaffen etwa einen halben bis zwei Meter pro Sekunde. Wäre dein Tastnerv so gebaut, bräuchte das Signal bis ins Rückenmark etwa eine halbe bis zwei Sekunden. Geht das schneller? Eine Möglichkeit ist eine dickere Faser. Viele denken, dicke Fasern wären träger. Es ist umgekehrt: In einer dicken Faser fließen die Ausgleichsströme leichter und reichen weiter. Darum leitet sie schneller. Dein Körper hat aber einen noch viel besseren Trick.

Der Trick heißt Myelin. Um viele Axone wickeln sich Hüllzellen, Schicht um Schicht, und bilden eine fettreiche Hülle, die Myelinscheide. Sie isoliert. Unter ihr fließen kaum Ionen durch die Membran, und dort sitzen auch kaum Tore. Nur in kleinen Lücken liegt die Membran frei, an den Ranvierschen Schnürringen. Dort drängen sich die Natrium-Tore dicht an dicht. Was macht jetzt ein Ausgleichsstrom, der unter der Hülle losläuft? Er verliert unterwegs kaum Ladung. Er reicht bis zum nächsten Schnürring.

Dort hebt er die Spannung über die Schwelle, und das nächste Aktionspotential startet. Dann am nächsten Schnürring, und am nächsten. Die Erregung springt von Schnürring zu Schnürring. Das heißt saltatorische Erregungsleitung. Und sie ist schnell: bis etwa hundert Meter pro Sekunde. Dein Signal vom Finger ist damit in wenigen Hundertstelsekunden im Rückenmark. Merksatz: Mit Myelin springt die Erregung von Schnürring zu Schnürring, und das ist viel schneller.

Und es gibt einen zweiten Vorteil. Natrium strömt nur noch an den Schnürringen herein, nicht an jeder Stelle. Also muss die Pumpe danach viel weniger zurücktransportieren. Das spart Energie. Vergleichen wir beide Formen nach Kriterien. Faserart: kontinuierlich an marklosen, saltatorisch an markhaltigen Fasern. Geschwindigkeit: etwa ein halber bis zwei Meter pro Sekunde gegen bis etwa hundert. Energiebedarf: höher gegen niedriger. Wie wichtig die Hülle ist, zeigt die Multiple Sklerose: Dort greift das Immunsystem Myelinscheiden in Gehirn und Rückenmark an, und die Leitung wird langsamer oder stockt. Merksatz: Saltatorisch ist schneller und sparsamer als kontinuierlich.

Das war die Spitze und ihre Reise. An der Schwelle öffnen die Natrium-Tore, und die Spannung schießt hoch. Die Kalium-Tore holen sie zurück. Jede Spitze ist gleich hoch, die Stärke steckt in der Frequenz. Und über Ausgleichsströme wandert die Erregung das Axon entlang, mit Myelin im Sprung. Klingt rund. Und trotzdem stolpern genau hier in Klausuren viele.

Typische Fehler (13:51)

Fangen wir mit dem häufigsten an. Fehler eins: „Ein stärkerer Reiz erzeugt ein größeres Aktionspotential.“ Nein. Das Aktionspotential gehorcht dem Alles-oder-Nichts-Prinzip und ist immer gleich hoch. Ein stärkerer Reiz erzeugt mehr Aktionspotentiale pro Sekunde, also eine höhere Frequenz. So mach ich das übrigens auch, wenn mir etwas wichtig ist. Nicht lauter. Öfter. Öfter.

Fehler zwei ist ein doppelter: „Beim Aktionspotential kehren sich die Ionenkonzentrationen um. Und erst die Natrium-Kalium-Pumpe tauscht sie zurück und beendet so das Aktionspotential.“ Nicht ganz, und zwar an zwei Stellen. Erstens: Es fließen nur winzige Mengen. Nur ein verschwindend kleiner Teil der Ionen wandert. Innen bleibt viel Kalium, außen viel Natrium. Was sich umkehrt, ist die Spannung, nicht die Verteilung.

Zweitens: Das Ende des Aktionspotentials macht nicht die Pumpe. Das machen die Natrium-Tore, die sich zustöpseln, und die Kalium-Tore, durch die Kalium hinausströmt. Das geht in Millisekunden. Die Pumpe ist dafür viel zu langsam. Sie sorgt im Hintergrund dafür, dass die Gefälle auch nach Tausenden Aktionspotentialen bleiben. Kurz gesagt: Die Kalium-Tore beenden die Spitze, die Pumpe hält auf Dauer die Gefälle.

Fehler drei: „Bei der saltatorischen Leitung springen die Ionen von Schnürring zu Schnürring.“ Nein. Kein Natrium-Ion reist von einem Schnürring zum nächsten. Die Ionen bewegen sich nur kurze Strecken. Was springt, ist die Erregung. Denk an ein Kugelstoßpendel: Die erste Kugel stößt an, die letzte fliegt los, aber keine Kugel reist durch die Reihe. So tragen die Ausgleichsströme die Erregung zum nächsten Schnürring, und dort öffnen neue Tore mit neuen Ionen. Merksatz: Es springt die Erregung, nicht die Ionen.

Drei Fehler, drei Korrekturen. Frequenz statt Höhe. Tore statt Pumpe. Erregung statt Ionen. Wer diese drei Paare sauber auseinanderhält, ist in der Klausur auf der sicheren Seite. Also, Zeit für die Probe.

Prüfung (16:06)

Die Fehler sind geklärt, jetzt zählt die Kurve. Aufgabe eins, grundlegendes Niveau. Du siehst die Messkurve eines Aktionspotentials. Die Aufgabe: „Benennen Sie die Phasen des Aktionspotentials, und beschreiben Sie zu jeder Phase die Ionenbewegung.“ Drück Pause. Ich bin dann mal refraktär. Absolut. Sprich mich nicht an.

Die Lösung, Phase für Phase. Erstens, der Anstieg: Depolarisation bis zum Overshoot. Spannungsgesteuerte Natrium-Tore öffnen, Natrium strömt hinein. Zweitens, der Abfall: Repolarisation. Die Natrium-Tore sind inaktiviert, die Kalium-Tore offen, Kalium strömt hinaus. Drittens, die kleine Senke: Hyperpolarisation. Die Kalium-Tore schließen spät, es strömt noch etwas mehr Kalium hinaus. Danach stellt sich wieder das Ruhepotential ein. Und vor dem Anstieg das Ruhepotential: Einige Kalium-Kanäle, die Leckkanäle, sind offen, Kalium sickert hinaus, und die Pumpe hält die Gefälle. Der Anstieg startet, sobald der Schwellenwert erreicht ist. Zeichne beides gleich mit ein.

Eine Stufe schwerer. Aufgabe zwei, erhöhtes Niveau. Beim Zahnarzt bekommst du vor dem Bohren eine Spritze, zum Beispiel mit Lidocain. Es blockiert spannungsgesteuerte Natriumkanäle in den Nervenfasern. Die Aufgabe: „Stellen Sie eine Hypothese auf, wie sich Lidocain auf die Aktionspotentiale im Schmerznerv auswirkt, und erläutern Sie, warum man dann nichts spürt.“ Eine Hypothese ist eine begründete Vermutung. Erläutern heißt: mit Fachwissen nachvollziehbar erklären. Drück Pause und formuliere.

Volle Punkte gibt es für drei Schritte. Erstens, die Hypothese: Lidocain verhindert vermutlich, dass im betäubten Bereich des Schmerznervs Aktionspotentiale entstehen, und ankommende werden dort nicht weitergeleitet. Zweitens, die Erläuterung: Ohne offene Natrium-Tore fehlt der Natriumeinstrom. Selbst wenn ein Reiz die Membran etwas depolarisiert, kann keine Kettenreaktion starten, es entsteht kein Aktionspotential, und die Ausgleichsströme lösen am nächsten Abschnitt nichts mehr aus. Drittens, die Folge: Im Gehirn kommt keine Information an. Null Aktionspotentiale heißt null Frequenz, also keine Meldung. Der Bohrer ist da, aber den Schmerz spürst du nicht.

Merk dir drei Dinge (18:37)

Das war das Aktionspotential. Merk dir drei Dinge. Erstens: Natrium strömt hinein und die Spannung steigt, Kalium strömt hinaus und sie fällt. Zweitens: Jedes Aktionspotential ist gleich hoch, die Reizstärke steckt in der Frequenz. Drittens: Mit Myelin springt die Erregung von Schnürring zu Schnürring, schneller und sparsamer. Das Quiz und den Lernzettel zu diesem Video findest du kostenlos auf achtmalklug punkt de. Und wenn dich das nächste Mal jemand antippt und fragt, ob du das spürst: Sag einfach: Ja. Mit niedriger Frequenz. Bleib neugierig.

Quellen und Korrekturen
  • Campbell Biologie, Pearson, Kapitel Nervensystem (Ruhepotential, Aktionspotential, Erregungsleitung)
  • Purves et al.: Neuroscience, Oxford University Press, Kapitel 2 bis 4 (Ionenkanäle, Aktionspotential, Leitungsgeschwindigkeit)
  • Kandel et al.: Principles of Neural Science, McGraw-Hill, Kapitel 9 und 10 (Aktionspotential, Codierung, Erregungsleitung)
  • Kuo und Liao, Erholung der Na⁺-Kanäle aus der Inaktivierung: erst schließt das Aktivierungstor, dann löst sich das Inaktivierungstor, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC6772556
  • Bindestelle der Lokalanästhetika am Na⁺-Kanal, innere Pore, Zugang von innen, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC2217326 und https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC8715241
  • Hartline und Colman (2007), Rapid conduction and the evolution of giant axons and myelinated fibers, Current Biology 17: R29–R35
  • Tasaki (2004), Leitungsgeschwindigkeit und Faserdurchmesser, https://pmc.ncbi.nlm.nih.gov/articles/PMC1473337
  • Faserklassen und Leitungsgeschwindigkeiten, J. A. Kiernan, University of Western Ontario, https://publish.uwo.ca/~jkiernan/fibrtyp.htm; E. Chudler, University of Washington, https://staff.washington.edu/chudler/cv.html
  • DocCheck Flexikon, „Refraktärzeit“ und „Relative Refraktärzeit“
  • Operatoren Biologie, Operatorenübersicht Biologie, Zentralabitur NRW (QUA-LiS NRW), und KMK-Bildungsstandards Biologie für die Allgemeine Hochschulreife (2020)
  • Faktencheck, unabhängige Prüfdurchläufe am 30.10.2026 (Skript, zwei Runden) und 31.10.2026 (Material)

Faktencheck vom 30.10.2026.

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